Die Bahn kommt! Zumindest theoretisch, denn vorher müssen wir erst einmal dafür sorgen, dass die Gleise auch irgendwo hinführen. Und wenn wir schon dabei sind, können wir gleich noch ein paar Straßen verlegen und eine hübsche Landschaft drumherum bauen.
Klingt nach einer entspannten Beschäftigung? Von wegen! In Railroad Tiles wird aus ein paar harmlosen Plättchen schnell ein verzwicktes Verkehrsnetz, bei dem jede neue Verbindung wohlüberlegt sein will. Denn während die eigene Landschaft munter wächst, reift spätestens am nächsten Plättchen die Erkenntnis, dass die perfekte Planung schnell scheitern kann.
Ein bekanntes Prinzip auf neuen Wegen
Wer bereits Railroad Ink kennt, wird sich bei Railroad Tiles schnell heimisch fühlen. Wieder einmal geht es darum, Straßen und Schienen zu einem funktionierenden Verkehrsnetz zu verbinden. Allerdings bleiben die Würfel diesmal in der Schachtel. Statt Strecken auf einem Plan einzuzeichnen, greifen wir zu handfesten Plättchen, die wir nach und nach zu einer kleinen Landschaft zusammenfügen. Das sorgt nicht nur für ein hübscheres Gesamtbild, sondern verändert auch das Spielgefühl.
Über acht Runden hinweg entsteht vor jedem Spieler ein eigenes Verkehrsnetz. Dazu liegen unterhalb einer kleinen Bahnhofstafel mehrere Spalten mit unterschiedlich vielen Streckenplättchen aus. Wer an der Reihe ist, entscheidet sich für eine dieser Spalten und nimmt sämtliche darin enthaltenen Plättchen. Klingt zunächst einfach – schließlich sind mehr Plättchen doch grundsätzlich besser, oder?
Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Denn was nützen fünf neue Streckenabschnitte, wenn sich anschließend kaum einer davon sinnvoll in die bestehende Landschaft einbauen lässt? Manchmal ist die kleinere Auswahl die bessere Entscheidung. Außerdem beeinflusst die gewählte Spalte die Zugreihenfolge der nächsten Runde. Wer sich früh bedienen möchte, muss also nicht zwangsläufig die größte Portion nehmen.
Die ergatterten Plättchen werden anschließend an die vorhandene Landschaft angelegt. Dabei müssen die Verbindungen passen: Straßen gehören an Straßen, Schienen an Schienen und Wiesen an Wiesen. Eine Bahnstrecke mitten auf einer Landstraße enden zu lassen, ist nicht erlaubt. Glücklicherweise dürfen die Plättchen gedreht und gewendet werden. Trotzdem kommt es regelmäßig vor, dass sich ein vielversprechender Streckenabschnitt als unpraktisch entpuppt.
Schienen, Straßen und jede Menge Planungschaos
Mit dem bloßen Verlegen von Wegen ist es allerdings nicht getan. Deshalb kommen im Laufe der Partie kleine Autos, Züge und Fahrgäste hinzu. Welche Figuren eingesetzt werden dürfen, bestimmen wechselnde Anzeigeplättchen auf der Bahnhofstafel. Wer eine entsprechende Figur auf einem freien Symbol seiner Landschaft platzieren darf, erhält dafür sofort Punkte.
Besonders lohnenswert wird es, wenn sich mehrere Figuren derselben Art über passende Strecken miteinander verbinden lassen. Ein einzelnes Auto bringt noch keinen großen Jubel, doch ein gut ausgebautes Straßennetz mit mehreren Fahrzeugen liefert ordentlich Punkte. Züge bevorzugen Schienen, Autos bleiben auf den Straßen und Fahrgäste sind flexibler: Sie nutzen Straßen sowie Bahnstrecken und können an Bahnhöfen dazwischen wechseln. Eine kleine Hilfe bieten weiße Sternfiguren, mit denen sich zusätzliche Freiheiten bei der Figurenwahl erkaufen lassen. Zudem erhalten nicht gewählte Plättchenspalten einen Stern als Anreiz für die nächste Runde, was eine unattraktive Auswahl plötzlich wieder interessant macht.
Nach acht Runden folgt die Schlusswertung. Jetzt werden unter anderem zusammenhängende Gebäudegruppen sowie ein möglichst großes, vollständig ausgefülltes Rechteck belohnt. Übrig gebliebene Sterne zählen ebenfalls, während offene Straßen- und Schienenenden das Ergebnis verschlechtern. Fünf offene Verbindungen werden noch toleriert, danach kostet jedes weitere Ende einen Punkt. Optionale Aufgabenplättchen bringen zusätzliche Ziele und geben dem Streckenbau eine andere Richtung.
Spieletester
Fazit
Railroad Tiles wirkt zunächst unspektakulär, verlangt mit jeder Runde aber mehr Aufmerksamkeit. Die Regeln sind überschaubar und der Ablauf wiederholt sich gleichmäßig: Plättchen wählen, Landschaft erweitern, Figuren einsetzen, Punkte kassieren.
Die Tücken liegen im Detail
Railroad Tiles sieht ausgesprochen friedlich aus. Doch hinter der freundlichen Fassade steckt eine knifflige Puzzelei. Die größte Herausforderung besteht darin, nicht nur den nächsten Zug, sondern auch die kommenden Runden im Blick zu behalten. Wer seine Landschaft wild wachsen lässt, kann offene Verbindungen kaum noch schließen – besonders ärgerlich, wenn eine dringend benötigte Kurve einfach nicht auftaucht.
Da die Auslage dem Zufall überlassen bleibt, muss man regelmäßig improvisieren. Hinzu kommt, dass die unterschiedlichen Wertungsmöglichkeiten sich oft widersprechen: Für ein großes Rechteck sollte die Landschaft kompakt bleiben, für lange Verkehrswege baut man lieber in die Länge, und gleichzeitig sollen noch Gebäudegruppen entstehen. Alles optimal hinzubekommen, ist kaum möglich. Genau daraus bezieht das Spiel seinen Reiz. Etwas gewöhnungsbedürftig ist zunächst die Wertung der Fahrzeuge und Fahrgäste. Hat man das Prinzip erst einmal verinnerlicht, läuft die Punktevergabe jedoch flott.
Die Interaktion bleibt überschaubar. Alle konkurrieren um dieselbe Auslage, doch direkte Eingriffe in fremde Landschaften gibt es nicht. Wer Mitspieler gerne ärgert, kommt kaum auf seine Kosten. In größerer Runde gewinnt die gemeinsame Auswahl an Bedeutung, weil begehrte Spalten schneller verschwinden. Gleichzeitig können sich die Wartezeiten zum Spielende hin verlängern, wenn die Landschaften wachsen und das Grübeln zunimmt.
Geringere Glückskomponente
Im Vergleich zu Railroad Ink fühlt sich das Spiel greifbarer und kontrollierbarer an. Statt das Würfelergebnis stur hinzunehmen, wählt man aus einem Angebot, was eine taktische Komponente einbringt. Der Zufall verschwindet durch den Plättchenzug aus dem Beutel dennoch nicht ganz. Ganz ohne Schwächen ist das Konzept aber auch nicht: Der Ablauf verändert sich während einer Partie kaum, und viele kleine Wertungsentscheidungen können den Spielfluss bremsen. Wer Legespiele ohnehin nicht mag, wird hier nicht bekehrt.
Wer jedoch gerne aus begrenzten Möglichkeiten das Maximum herausholt, findet reichlich Gelegenheit zum Tüfteln. Railroad Tiles erfindet das Genre nicht neu, bietet aber eine eigenständige Note, hübsches Material und einen ordentlichen Schuss Optimierungsdrang. Dass am Ende manche Bahnstrecke im Nirgendwo endet, nehmen wir gelassen hin – unvollendete Bauprojekte sind beim Thema Eisenbahn schließlich nichts Ungewöhnliches.
Plus
- belohnendes Spielgefühl
- einfacher Einstieg
- toller Optimierungsreiz
- schönes und wertiges Material
Minus
- grübelanfällig
- kaum Interaktion
- wenig Abwechslung im Ablauf
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Details
106 Strecken-Plättchen
28 Aufgaben-Plättchen (7 Sets von 4 identischen Aufgaben)
18 Zug-Figuren
18 Auto-FIguren
18 Fahrgast-Figuren
10 Stern-Figuren
4 Spieler-Figuren
1 Bahnhof-Tafel
7 Anzeiger-Marker
64 Siegpunkt-Marker (20x 1 , 20x 3 , 16x 10 , 8x 20 )
1 Zweispieler-Plättchen
1 Stoffbeutel
1 Anleitung
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