Granfondo

Rennspiele führen in Deutschland leider ein Nischendasein. Wobei Ausnahmen wie z.B. Heat, durchaus die Regel bestätigen können. Ob Granfondo eine dieser gelungenen Ausnahmen ist, wollen wir mit diesem Test überprüfen.

Da soll noch mal jemand behaupten, dass Spielen nicht die Allgemeinbildung fördere. Ich z.B. wusste nicht, dass das in Radfahrer-Kreisen extrem populäre Straßen-Radrennen für Jedermann als ein Granfondo bezeichnet wird. Das erste dieser Art wurde immerhin schon 1884 in Italien ausgetragen. Der Autor des vorliegenden Spiels: Ralf Vanpey ist selbst passionierter Radfahrer und hat sein Erstlingswerk im Eigenverlag Runnergames herausgebracht.

Bei Rennspielen ist der grundlegende Ablauf quasi schon vorgegeben, wirklich voneinander abheben bzw. unterscheiden können sich die jeweiligen Spiele nur durch besondere bzw. spezielle Spielmechaniken. Granfondo hat diesbezüglich zum Glück einiges zu bieten.

So steht jedem Spieler eine Mannschaft aus drei spezialisierten Radrennfahrern mit eigenem Kartendeck und speziellen Fähigkeiten zur Verfügung. Diese werden durch das Ausspielen der Karten entlang der Rennstrecke bewegt. Im Ziel angekommen gewinnt diejenige Mannschaft, die die besten Platzierungen bzw. die meisten daraus resultierenden Punkte erreichen konnte. Dabei können der Schwierigkeitsgrad und die taktische Herausforderung eines jeden Wettrennens durch das Hinzufügen oder Weglassen von modularen, zusätzlichen Regeln bzw. der Auswahl der Rennstrecke beliebig angepasst werden.

Das Dreier-Team eines jeden Spielers besteht aus einem Sprinter, einem Bergfahrer und einem Rouleur, also quasi einem Klassement-Fahrer. Jedem dieser Spezialisten steht ein besonderes Kartendeck zur Verfügung, um die Strecke zu absolvieren. Aber Achtung, alle diese Karten können nur einmal ausgespielt werden, das erneute durchspielen des Decks ist nicht vorgesehen. Die Fahrer sind zudem personalisiert und haben neben individuellen Stärken beim Start meistens einen unterschiedlichen Performancewert. Dieser kann sich während des Rennens durch verschiedene Ereignisse ändern und gibt vor, wie hoch das aktuelle Handkartenlimit für den jeweiligen Radrennfahrer ist.

Die Startaufstellung erfolgt zufällig, danach läuft das Rennen in einzelnen Zügen ab. Jeder dieser Züge besteht aus drei Phasen: Planung, Bewegung, Nachbereitung. In der Planungsphase wählen alle Spieler simultan für jedes Ihrer Mannschaftsmitglieder aus den jeweiligen Handkarten eine Karte, die verdeckt ausgelegt wird. In der Bewegungsphase werden die Radrennfahrer in Reihenfolge ihrer aktuellen Position im Rennen mittels der ausgewählten Karte bewegt. Danach werden die Karten abgelegt und entsprechend des aktuellen Handkartenlimits neue Karten nachgezogen.

Natürlich ist es damit noch nicht getan, denn das war nur der einfache Grundablauf. Zusätzliche Regeln gibt es für das Windschattenfahren, den Sprint, das riskante Doping oder das Rollenlassen zwischendurch, um mal die Beine ein wenig zu lockern. Auch besondere Gegebenheiten auf dem Spielplan wie Berganstiege, Abfahrten, Hindernisse oder Verpflegungsstationen gilt es zu beachten. Wem das jetzt noch nicht ausreicht und wer das Spiel taktischer machen will, kann zusätzliche Regelmodule wie Zwischenwertungen, Positionskämpfe oder den Belgischen Kreisel in die Wettfahrt integrieren. Speziell das letztgenannte Modul verdient ein paar erläuternde Worte, da mir diese Art Spielmechanik so noch nicht untergekommen ist.

Beim Belgischen Kreisel wird aus jeweils drei benachbarten Rennfahrern eine Formation gebildet, die mit der gleichen Geschwindigkeit fährt. Nachdem alle Karten verdeckt abgelegt wurden können die Spieler am Tisch kommunizieren, in welcher Konstellation ein Kreisel gebildet werden soll. Dabei können unterschiedliche Vorschläge gemacht werden, wichtig ist jedoch, dass alle drei Rennfahrer mit einem identischen Kartenwert unterwegs sein müssen. Sogar die drei Fahrer einer Mannschaft können einen Kreisel bilden. Danach zieht diese Formation ihre drei Spielfiguren um den Rennwert der ausgewählten Karte und zusätzliche drei Felder vorwärts. Der führende Rennfahrer rotiert abschließend an die dritte Stelle, erhält als Belohnung für seine Initiative jedoch einen Performancepunkt, der wichtig für das Handkartenlimit ist. Es kann in einer Spielrunde auch mehrere Kriesel-Gruppen geben, hierzu gibt es keinerlei Einschränkungen.

Grundsätzlich ist es wichtig zu wissen, dass das eigene Kartendeck problemlos für die kürzere Strecke ausreicht, während man bei der mittleren und besonders bei der langen Strecke schon genau auf sein Kartenmanagement achten sollte. Geschicktes Windschattenfahren, die Beteiligung an Kreiseln und das Opfern von Karten für Sprints nur an Schlüsselstellen sind wichtige Bausteine dafür, dass den eigenen Rennfahrern nicht schon vor dem Schlussspurt die Puste ausgeht und man dadurch in der Gesamtwertung wichtige Punkte verliert.

Spieletester

Fazit

Granfondo ist, wie schon geschrieben, ein Erstlingswerk und im Eigenverlag erschienen. Redaktionell erstaunlich gut bearbeitet, lässt die Spielregel kaum Fragen offen. Das reichliche Spielmaterial ist von hoher Qualität. Bei der Grafik hat der Autor auf KI-gestützte Grafiktools zurückgegriffen und das auch offen kommuniziert. Leider wird solches, insbesondere bei BGG, vielfach von Hardlinern zum Anlass genommen, um das gesamte Spiel schlecht zu bewerten, was überhaupt nicht der Fall ist. Im Gegenteil, viele Aspekte eines Radrennens finden, wenn man mit allen Modulen spielt, in den Regeln ihre spielerische Entsprechung. Negative Seite der Medaille und einer der Hauptkritikpunkte: leider zu viele kleinteilige Regeln, die gern mal im Eifer des Spiels, insbesondere in den ersten Partien und in Vollbesetzung, vergessen werden.

Zwar ein Profi-Modul aber trotzdem ein Herzstück des Spiels: der Belgische Kreisel. Durch diesen kommt plötzlich eine sehr kooperative Komponente in das eigentlich kompetitive Rennspiel. Fast geht es manchmal wie auf einem Basar zu, wenn von verschiedenen möglichen Initiatoren Mitmach-Angebote an die Spieler verteilt werden. Hier sollte man auch nicht zögerlich sein und diese tunlichst annehmen, denn ein gutes Karten-Management ist wichtig, um am Spielende auf dem Podium zu stehen.

Granfondo hat mich insgesamt positiv überrascht. Man merkt dem Spiel an, dass viel Herzblut und einiges an Überlegungen in ihm stecken. Die spielerische Simulation eines Langstrecken-Radrennens ist gut gelungen, wenngleich einige Aspekte wie z.B. Wetter oder Straßenuntergründe nicht ins Spiel integriert wurden. Trotzdem ist der Wiederspielwert sehr hoch. Man sollte aber in jedem Fall beachten, dass Granfondo, nicht nur durch die vielen Regeln, sehr taktisch geprägt und damit nicht unbedingt ein Einsteiger-Rennspiel ist.

Auch wenn Granfondo nicht unbedingt das Niveau von Flame Rouge, dem unangefochtenen Platzhirsch in dieser Kategorie erreicht, beinhaltet es doch etliche frische Ideen und wird Liebhaber von Rennspielen in jedem Fall begeistern können.

Redaktionelle Wertung:

Plus

  • sehr gut funktionierendes Gesamtpaket
  • durch das Modul Belgischer Kreisel erhöhter Kommunikationsfaktor
  • spannende Elemente u.a. durch Doping und Kartenmanagement
  • sehr gute Ausstattung und Materialqualität
  • viele Aspekte eines Radrennens werden spielerisch sehr gut umgesetzt
  • hoher Wiederspielwert u.a. durch modulare Anpassung des Spiels

Minus

  • viele kleine und spezielle Streckenregeln die schnell übersehen werden
  • Spielplangrafik nicht unbedingt atmosphärisch
  • durch Verwendung von KI Grafik mit vielen unberechtigten negativen Bewertungen versehen
  • einige Aspekte wie Wetter oder Untergrund fehlen

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Details

Auszeichnungen:
Spieleranzahl: 1 bis 4
Alter: ab 14 Jahren
Spieldauer: 60 Minuten
Preis: 55,00 Euro
Erscheinungsjahr: 2025
Verlag: Runner Games
Autor: Ralf Vanpey
Zubehör:

Spielregel in 5 Sprachen

Doppelseitiger Spielplan mit drei möglichen Strecken

12 Rennfahrerfiguren (Holz, je drei in 4 Spielerfarben)

12 Rennfahrertableus (Pappe, je drei in 4 Spielerfarben)

12 individuelle Fahrertableus (Pappe)

12 Performance-Marker (Holz)

240 Rennkarten (je 20 pro Rennfahrer, inkl. 2 Dopingkarten)

12 Schicksalskarten (1-12) für Start und Positionskampf

8 Spielhilfekarten in 5 Sprachen

Würfel (W6) für Performance-Probe

Wanderpokal (Pappe)

6 Siegpunkt-Marker (Pappe)

24 Automa-Karten für ein Solo- oder 2-3 Personen-Spiel

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